Samstag, 13. Oktober 2007

Wikipedia Slowdown

Hallo Du,

heute war ein interessanter Artikel zur Wikipedia auf Spiegel Online.

Offensichtlich wächst Wikipedia nicht mehr im dem gleichen Masse, wie bisher. Der Artikel macht dazu einige Aussagen, die ich aus eigener Erfahrung bejahen kann.

Nachdem die meisten allgemeinen Artikel geschrieben sind, muss Wikipedia sich auf Vertiefung, Spezialisierung, Aktualisierung konzentrieren. Der Brite Andrew Gray, seit drei Jahren Wikipedia-Administrator, beschreibt das so: "Die niedrig hängenden Früchte sind gepflückt." Die Folge: Je weniger unbesetzte Themen übrig sind, desto heftiger streiten Wikipedianer über die Relevanz neuer, immer speziellerer Einträge und Ergänzungen.
Das fiel mir vor ein paar Monaten auf, als ich einen Artikel zu einer bemerkenswerten Software anfing, die momentan selbst unter Entwicklern nur Spezialisten bekannt ist. Er enthielt zu diesem Zeitpunkt eine präzise Zusammenfassung und stellte einen aus meiner Sicht sinnvollen Beginn eines Wikipediartikels dar.

Nach etwa zwei Stunden wollte ich die Arbeit fortsetzen und musste zu meiner Überraschung feststellen, das jemand (sogar ein Wikipedia-Admin) den Artikel mit einem Löschantrag beglückt hatte, da er die Relevanz bezweifelte. Das das Wort "Relevanz" zu einem Wikipedia-Kampfbegriff mutiert war, war mir bis dahin nicht bekannt.

Seine Begründung war jedenfalls sinngemäss, dass er trotz Programmierkenntnissen nichts mit der Kurzfassung anfangen konnte und überhaupt sei die Software noch nicht weit verbreitet und der Artikel damit so nicht relevant. Klasse.

Wie gesagt, die Software war bis dahin nur einer kleinen Schar von Spezialisten auf dem Gebiet bekannt. Da muss man schon ein wenig Plan von der Materie haben bzw. den Mumm, die von mir im Artikel gesetzten Links zu konsultieren, um ein wenig mehr Plan zu bekommen.

Jetzt kann man sich kurz fragen, was ist wertvoller in einer Welt der billigen grossen Festplatten und der fetten Datenrohre? Nur Allerweltsartikel, die auch Hinz und Kunz kennen oder auch Spezialthemen? Meine Position dürfte klar sein.

Bislang war mir etwas derartiges nicht passiert. Es musste also inzwischen ein paar Hardliner unter den Admins geben, die erstmal alles im Zweifel mit einem Löschantrag versehen. Zitat aus dem Artikel:

Medienwissenschaftler Andrew Lih - seit vier Jahren Wikipedia-Administrator - glaubt, dass heute die Mehrheit der Wikipedianer eine andere Grundhaltung haben: Früher wollten Wikipedianer so viele Informationen wie möglich integrieren, heute wollen sie, so viel es geht, draußen halten.

Ebend. Wenn das die Mehrheitsansicht sein sollte, dann ist es Zeit eine grosszügigere Wikipedia ins Leben zu rufen.

Ansonsten ärgerte mich halt damals, dass ich offensichtlich nicht mal ein paar Stunden Zeit hatte, den Artikel in eine gute Version zu formen, bevor man mir den Stiefel auf die Brust setzt. Denn so ein Löschantrag ist reine Erpressung! Man bekommt dann eine gewisse Frist (ich glaube es war eine Woche), zu der sich jeder auf der Diskussionsseite des Artikels äussern darf und dann entscheidet irgendein anderer Admin, ob er dem Löschantrag stattgibt oder nicht. Da muss man nur an die richtigen geraten und die Arbeit war für die Katz'. Solchen Unwägbarkeiten wollte ich mich nicht mehr aussetzen. Ist doch klar, dass dann die Motivation bei mir sank, nochmal richtig Zeit in Wikipedia zu investieren.

Anderes Beispiel: Ich kann mich an Beschwerden von Admins erinnern, wo mir vorgeworfen wurde, dass ich in kurzer Zeit zuviele Edits machen würde. Die hinrissige PHP Software, mit der Wikipedia realisiert wurde, speicherte zu diesem Zeitpunkt wohl jede Version komplett ab, statt intelligent Differenzen zwischen den Artikelversionen zu verwalten. In der Folge machten sich die Admins Sorgen um zuviele Edits. Autsch.

Das dieses der Philosophie von Wikis (wiki, wiki = hawaiianisch für schnell, schnell) vollkommen widerspricht, nach der Änderungen leicht sein sollen, das war diesen Admins offenbar nicht klar.

Es fällt doch leichter einen Artikel inkrementell mit Hilfe der Wikipedia-Webanwendung zu entwickeln, als diesen Artikel offline zu perfektionieren und dann in einem Rutsch als neue Artikelversion hochzuladen. Das inkrementelle Vorgehen "mal eben im Browser" gibt bessere Inhalte, auf Kosten von ein paar Festplattenbytes.

Ich finde die Wikipedia nach wie vor bemerkenswert, aber einige der Admins kann man meiner Meinung nach ruhig zum Mond schiessen. Wenn sie sich nicht besinnen, wird es halt zu einer Neugründung kommen. Wir würden dann sehen, welches Wikipediamodell (Restriktiv vs. Offen) für den Nutzer wertvoller ist.

Dein Wikipediabär

2 Kommentare:

Ranarion hat gesagt…

Hm, es wäre aber vielleicht auch zu empfehlen, den WP-Admins entgegenzukommen und bei neuen Artikeln, die noch in der Entwicklung sind, den entsprechenden Hinweis (gibt's als fertige Vorlage) reinzusetzen oder, noch besser, den Artikel offline fertig zu schreiben und ihn dann hochzuladen. Dann muss man auch nur einen Edit machen, entlastet die Server und alle, die die Versionsgeschichten verfolgen.

So, wie die Kritik hier rüberkommt, kann ich ihr nicht folgen. Die Wikipedia muss langsam auf "Qualität statt Quantität" umsteigen. Für alle, denen das nicht gefällt, gibt es z.B. die Nupedia. Für meine Begriffe funktioniert dort alles etwas schlechter als in der Wikipedia -- könnte für deren Konzept sprechen, oder?

Bär hat gesagt…

Ich wollte eigentlich primär auf den SPIEGEL Artikel hinweisen und seine Aussagen bejahen, indem ich eigene Erlebnisse berichtet habe.

Das die Stimmung nicht doll ist und einige WP-Admins dazu kräftig beitragen ist auch meine Meinung.

Vorlage wurde benutzt, offline Schreiben ist für mich nicht attraktiv und pauschales Streichen erhöht auch nicht die Qualität.

Nupedia muss ich mir mal anschauen. Könnte eine interessante Alternative werden.